Tale · Jette Waldinger-Thiering · 16.06.2021 Es geht um Heilung nach der Pandemie

„ Corona hat verheerend wie ein Waldbrand gewütet. Die Aufforstung ist eine große gesellschaftliche Anstrengung; die Aufarbeitung aber eine völlig andere.“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 15 - Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie  (Drs. 19/2988)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Anstoß gegeben, den Opfern der Corona-Pandemie zu gedenken. Das war ein guter Aufschlag, aber die Pandemie ist noch nicht vorüber. Immer noch drohen Mutanten, aber gleichzeitig schreitet die Impfkampagne voran. Darum sollten wir uns jetzt Gedanken machen über die Zeit nach Corona.
Bereits jetzt ist zu erkennen, dass das Leid unterzugehen droht. Ich sehe jetzt in den Betrieben vor allem freudige Hektik. Jede Überstunde wird akzeptiert nach den vielen Monaten, in denen der Gürtel enger geschnallt werden musste. In den Zeiten der Euphorie sollten aber Leid, Trauer und Herzweh nicht verdrängt werden. Genau das befürchte ich aber. Wer will denn auch an Schlimmes erinnert werden? Doch wenn wir es als Gesellschaft nicht hinbekommen, diese dunklen Monate angemessen zu verarbeiten, wird uns das unweigerlich einmal einholen. Darum unterstütze ich ausdrücklich alle Bemühungen in diese Richtung. 
Ich möchte in dieser Debatte zu Augenmaß aufrufen. Es geht nicht um die Aufarbeitung von Fehlentscheidungen. Deren politische Quittung gibt uns die Wählerin und der Wähler. Es geht auch nicht um die strafrechtliche Verfolgung von Maskendeals und Subventionsbetrug. Das ist Sache von Politik und Justiz und muss umgehend erfolgen. Meiner Meinung nach geht es um die Anerkennungen dessen, was in Deutschland während des letzten Jahres geleistet wurde und für die Heilung von Verletzungen um Traumata. Da sind zunächst die Hinterbliebenen der Toten, die die Pandemie gefordert hat. Gerade bei den Opfern, die mitten aus dem Leben gerissen wurden, bleibt eine sehr große Lücke. Diese Lücke können wir nicht mittels eines Gedenkortes schließen, aber doch zur Aufarbeitung beitragen. Neben den Todesopfern gibt es viele Menschen, die nach der Corona-Infektion an  den Langzeitfolgen leiden. Zum Beispiel Mittdreißiger, die ohne Atemnot kaum eine Treppe hinauskommen. Auch sie zählen zu den Opfern. Aber auch jenseits der Covid-Erkrankten befand sich die Gesellschaft auf Zwangsabstand, mit teilweise schlimmen Folgen. Ich denke an Familien, die eine gebärende Frau im Krankenhaus nicht begleiten konnten. Menschen, die sich von ihren sterbenden Freunden und Familienmitgliedern nicht angemessen verabschieden konnten. Ich denke an Familienfeiern, die gar nicht oder nur in kleinem Rahmen gefeiert werden konnten. Menschen sind im Lockdown vereinsamt. Und Einsamkeit war schon vor Corona eine große Herausforderung.
Ich könnte diese Aufzählung fortsetzen. Sie macht zweierlei klar: Corona hat verheerend wie ein Waldbrand gewütet. Die Aufforstung ist eine große gesellschaftliche Anstrengung; die Aufarbeitung aber eine völlig andere. 
Die Nachkriegszeit hat gezeigt, dass beim Aufbauen und Gründen die Aufarbeitung zu kurz kam. Aus dieser Erfahrung heraus ist ein Gedenkort sehr wichtig. Ich begrüße es daher ausdrücklich, dass der Landtag nicht in einen Gedenkwettbewerb eingestiegen ist, sondern eine gemeinsame Absichtserklärung entwickelt hat. Das Thema passt nämlich überhaupt nicht in die politische Auseinandersetzung. Im Gegenteil, das wäre sogar in höchstem Maße verstörend. Wir geben hier das richtige Signal. Mein herzlicher Dank gilt allen Kolleginnen und Kollegen, die an dem Antrag mitgewirkt haben. 
Wir sollten dem Gedenken Raum geben. Wir haben uns auf ein Vorgehen geeinigt, dass die Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteinern in den Prozess einbindet. Ob ein Stein, eine Statue oder ein virtuelles Gedenken dabei herauskommen wird, weiß ich bis jetzt noch nicht. Ich möchte an dieser Stelle den Menschen zuhören, die in Corona viel leiden mussten; auch übrigens den Kindern und Jugendlichen. Ihre Einbindung müssen wir angemessen organisieren. 
Wir sollten einen offenen Prozess ohne Vorgaben starten. Das wäre dann schon ein Teil der Heilung nach dieser langen, zehrenden Zeit.

Weitere Artikel

Tale · Jette Waldinger-Thiering · 24.09.2021 Ganztagsbetreuung im Dialog mit den Betroffenen planen

„Wir brauchen ein Konzept, von dem alle Schülerinnen und Schüler des Landes profitieren.“

Weiterlesen

Tale · Jette Waldinger-Thiering · 23.09.2021 Perspektiven für die Landwirtschaft schaffen

„Als SSW wollen wir in 2040 eine Landwirtschaft, die bäuerlich geprägt ist, die ressourcenschonend und nachhaltig arbeitet. Die die Aspekte des Tierwohls, der Biodiversität, des Gewässer- und Bodenschutzes stärker berücksichtigt. Die es mit den Herausforderungen des Klimawandels und der Wetterextreme aufnehmen kann… Aber unsere Gesellschaft muss der Landwirtschaft auch entgegenkommen, für lau ist es nicht umsetzbar.“

Weiterlesen

Tale · Jette Waldinger-Thiering · 23.09.2021 Gendersprache: Sie eskalieren an der Wirklichkeit vorbei

„Geschlechtersensibler Sprachgebrauch dringt von unten hervor und bahnt sich seinen Weg durch die Instanzen. Ein Erlass allerdings, der dieser Sprachentwicklung nun so hart einen Riegel vorschiebt, will nicht mehr Teil eines Diskurses sein, sondern diesen beenden.“

Weiterlesen