Tale · Jette Waldinger-Thiering · 16.12.2021 Fünf verschenkte Jahre für die berufliche Bildung

„Viel zu lange haben Sie sich mit Strukturdebatten aufgehalten und nicht zuletzt mit Machtkämpfen innerhalb der Koalition über die Anordnung des SHIBB und Entscheidungen darüber, wer nun welche Ebene übernimmt. Stattdessen hätten Sie dem grundlegenden Problem, dass es an Berufsschullehrkräften mangelt entschlossen entgegentreten müssen.“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 18 - Fachkräfteausbildung stärken – Zukunft des Trave-Campus (Drs. 19/3462 & 19/3503)
    
Man könnte sagen, es ist noch zu früh, um Bilanz zu ziehen. Aber wir merken eben nun doch zum Ende dieser Wahlperiode, wo die Lücken des Jamaika-Bündnisses liegen. 
Und, meine Damen und Herren, das werden Sie sich auch eingestehen müssen, für die berufliche Bildung waren das 5 nahezu verschenkte Jahre. 
Viel zu lange haben Sie sich mit Strukturdebatten aufgehalten und nicht zuletzt mit Machtkämpfen innerhalb der Koalition über die Anordnung des SHIBB und Entscheidungen darüber, wer nun welche Ebene übernimmt. 
Stattdessen hätten Sie dem grundlegenden Problem, dass es an Berufsschullehrkräften mangelt entschlossen entgegentreten müssen. Sie hätten sich dem Übergang Schule – Beruf widmen können. Oder, das wäre wirklich Innovativ gewesen, die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung erhöhen können.

Die nächste Landesregierung wird es besser machen müssen. 
Von der Zukunft der beruflichen Bildung hängt der Fachkräftemangel im Land maßgeblich ab.
Denn es lässt sich immer wieder beobachten, dass gerade auch die Angebote vor Ort eine enorme Auswirkung auf die Wahl von Berufsausbildungen haben. Da wo Angebote sind, werden sie wahrgenommen. Oder anders herum, da wo Angebote wegbrechen, werden Ausbildungsgänge vereitelt und umgelenkt. Unsere Nachwuchsfachkräfte entscheiden sich, das ist ja auch nachvollziehbar, einfach um. 

Für den SSW ist daher offenkundig, dass es dringend einen landesweiten Prozess braucht. Nicht zuletzt auch für unsere Betriebe, die eine Planungssicherheit brauchen. 
Und dieser muss vom Bildungsministerium geführt werden. Denn eines sollte nun wirklich allen klar geworden sein: Bildung -und das umfasst auch die berufliche Bildung - gehört ins Bildungsministerium!

Der Trave-Campus wurde als das größte Bauprojekt einer Handwerkskammer in Deutschland angekündigt. 
Auf dem vorgesehenen Gelände in Lübeck sollte ein Gebäudekomplex entstehen, in dem Lehrlinge überbetrieblich ausgebildet werden sollten. 
Vorgesehen war eine gemeinsame Unterbringung von drei Einrichtungen der Handwerkskammer Lübeck: die Berufsbildungsstätte Travemünde, sechs Landesberufsschulen in Trägerschaft der Handwerkskammer Lübeck und das Fortbildungszentrum der Handwerkskammer. 
Eine Fläche von rund fünf Hektar wäre die Heimat moderner Werkstätten und Lernstätte für die überbetriebliche Ausbildung und die Weiterbildung geworden.
Ein ehrgeiziges und tolles Projekt, dass 2022 angegangen und 2026 abgeschlossen werden sollte. 
Nun steht nach einer Neubewertung und einer Entscheidung der Vollversammlung der Handwerkskammer fest: der geplante Kostenrahmen reicht trotz der zugesagten Landesförderung bei weitem nicht aus. 
Wenn ich es richtig überschlagen habe, haben sich die veranschlagten Planungskosten vom Beginn mehr oder weniger verdoppelt. Die Baukosten übersteigen das Maß aller zur Verfügung stehenden Mittel und alle bisherigen Planungen müssen neu überdacht werden.  
Die Handwerkskammer hat derweil in Aussicht gestellt, nur noch einen stark verkleinerten Campus errichten zu können. 
Tragischerweise sind ausgerechnet sind die Berufsschulen und das Berufsbildungszentrum in der neuen Planung gestrichen.

Im Sinne einer Förderung der beruflichen Bildung sind wir als SSW absolut dazu bereit, mit Wohlwollen den nun anstehenden Prozess zu begleiten. Denn beruflichen Schulen sind unsere direkte Möglichkeiten, Fachkräfte für Schleswig-Holstein auszubilden. Uns ist es dabei aber auch ein Anliegen, dezentrale Wege nicht aus den Augen zu verlieren. Auch der Landesteil Schleswig eignet sich womöglich als Kompensationsraum, in dem die berufliche Bildung angesiedelt und gestärkt werden kann. 
Wir plädieren daher für eine Überweisung der Anträge in den Ausschuss, um im Dialog mit der Handwerkskammer über Fragen der Ansiedlung, Trägerschaft und Sicherung der Ausbildungsplätze zu sprechen.

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