Tale · Jette Waldinger-Thiering · 19.06.2019 Niemanden zurücklassen und Rechenschwächen früh erkennen

Einen starken Fokus auf Wettkämpfe hätten wir als SSW wohl nicht gesetzt. Das ist für uns doch zu sehr geprägt von Wettbewerbsdenken und Konkurrenzverhalten untereinander.

 


Jette Waldinger-Thiering zu TOP 18 + 21 + 47 - Anträge und Berichte zur Förderung begabter Schülerinnen und Schüler, des Mathematikunterrichts und zur Stärkung des MINT-Unterrichts (Drs. 19/1422, 19/1453, 19/1233, 19/1438, 19/1119, 19/1496)

So lange ist es ja noch gar nicht her, dass ich als Lehrerin gearbeitet habe und ich erinnere mich nur zu gut, wie sehr vor allem der Matheunterricht bei den Schülerinnen und Schülern für Frust gesorgt hat. 
Deswegen finde ich den Ansatz des Koalitionsantrages, Spaß am Matheunterricht zu schaffen auch gar nicht verkehrt. Mit dem Masterplan Mathematik hat Ministerin Prien ja einen dazugehörigen Zehn-Punkte-Katalog vorgestellt. 
Einen starken Fokus auf Wettkämpfe hätten wir als SSW wohl nicht gesetzt. Das ist für uns doch zu sehr geprägt von Wettbewerbsdenken und Konkurrenzverhalten untereinander. 
Aber dem Programm „Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark und Mathe macht stark“ rechnen auch wir einen sehr großen Erfolg bei der Unterstützung mathematik-schwacher Schülerinnen und Schüler zu. 
Dank dem Titellied von „Schloss Einstein“, einer deutschen Kinderserie, hält sich bei uns ja hartnäckig der Bildungsmythos, Albert Einstein sei schlecht in Mathe gewesen und dann trotzdem ein herausragender Wissenschaftler geworden. Das war nicht so und wir wissen, wie demotivierend und frustrierend es ist, wenn man erst mal im Stoff hinterherhinkt. Hier präventiv anzusetzen und Rechenschwächen früh zu erkennen ist der richtige Weg.
„Niemanden zurücklassen“ sollte daher unbedingt gestärkt und auf weitere Schulen, insbesondere die Grundschulen und Sekundarstufe I, ausgeweitet werden.  

Wir finden es außerdem besonders wichtig, dass unsere fachfremd unterrichtenden Lehrkräfte weitergebildet werden. 
Im Bericht der Landesregierung zur Weiterentwicklung des Matheunterrichts steht bei den Weiterbildungsmaßnahmen der abschließende Satz, dass geprüft werde, ob diese Maßnahmen für Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen und Förderzentren ausgeweitet werden müssen. Mit allen uns vorliegenden Konzepten, Berichten und Masterplänen und dem unübersehbaren Mangel an Mathematik-Fachlehrkräften würde ich denken: Ja, das wäre richtig und wichtig.  

Nicht nur für Mathe müssen wir unsere Schülerinnen und Schüler begeistern, auch in den restlichen MINT-Fächern ist noch Luft nach oben. Denn nach wie vor hören wir aus der Wirtschaft, dass es an Absolventen und besonders Absolventinnen der technischen Studiengänge mangelt. Es ist klar, dass es hier nicht die eine Stellschraube gibt, an der wir drehen und zuverlässig schnell großes Interesse wecken. Aber um Mädchen an technische und naturwissenschaftliche Berufe heran zu führen, kann es helfen, Vorbilder besser sichtbar zu machen.
Und damit wären wir wieder bei Albert Einstein, beziehungsweise bei seiner ersten Frau; Mileva Marić-Einstein. Eine der ersten Frauen, die ein Mathematik- und Physikstudium absolvierte. Einsteins Kommilitonin, über deren Anteil an Einsteins Arbeiten aufgrund von Aufzeichnungen und Briefwechseln zwischen den beiden bis heute spekuliert wird. 
Es gab und gibt sie; enorm erfolgreiche Frauen in den Naturwissenschaften. Denken wir an Marie Curie, die Physikerin und Chemikerin, die die chemischen Elemente Polonium und Radium entdeckt hat. Oder, wenn Sie nur wenige Monate zurückdenken; Dr. Katie Bouman, die 29-jährige Informatikerin, die den Algorithmus entwickelt hat, der das erste Foto eines Schwarzen Lochs möglich gemacht hat. 

Im Medizinstudium können wir schon Veränderungen beobachten. Der Frauenanteil hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht, 61% sind es bundesweit in der Humanmedizin. Genau so brauchen wir aber Ingenieurinnen und Programmiererinnen.
Stereotype haben immer große Auswirkungen. Sie tragen dazu bei, ob Mädchen sich selbst richtig einschätzen oder generell davon ausgehen, dass sie schlecht in Mathe sind. Sie beeinflussen, ob sie von Lehrkräften und Eltern überhaupt ermutigt werden, ein Studium in diesem Bereich in Betracht zu ziehen. 
Vorbilder zeigen uns, dass wir es schaffen können. 

Abschließend möchte ich nur noch festhalten, dass wir das Anliegen von Martin Habersaat absolut berechtigt finden. Besonders begabte Schülerinnen und Schüler gibt es nicht nur an den Gymnasien. Unsere Gemeinschaftsschulen dürfen hier nicht vernachlässigt werden. 

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