Speech · 19.10.2000 Absentismus - Fernbleiben vom Schulunterricht

Genau genommen zeugt die Sorge der CDU über den angeblich explodierenden Absentismus von einem erheblichen Misstrauen gegen die Lehrkräfte des Landes. Wenn das Fernbleiben vom Schulunterricht wirklich ein so katastrophales Problem wäre, wie es die unkritische Nutzung der Pfeiffer-Studie unterstellt, dann hätten die Schulen schon längst Alarm schlagen müssen. Es dürfte wohl kaum der Aufmerksamkeit der Lehrerinnen und Lehrer entgehen, wenn so viele Schüler schwänzen. Man hat es aber vorgezogen, allein aufgrund einer unzulässigen Interpretation der Pfeiffer-Daten Alarm zu schlagen. Hier ist Zahlenfetischismus betrieben worden, ohne die Qualität der Daten zu hinterfragen.
Die Landesregierung legt in ihrem Bericht überzeugend dar, dass dieses allein nicht ausreicht. Zwar sind auch die dort angegebenen Daten überwiegend wenig aussagekräftig. Entscheidend ist aber die Nachuntersuchung des Kieler Schulamts an den vom Pfeiffer-Team besuchten Schulen für den Tag der Datenerhebung. Dabei hat sich im nachhinein ergeben, dass nur 3 % der von Pfeiffer als abwesend erhobenen 15,1 % wirklich unentschuldigt dem Unterricht fernblieben. Damit wird die Dramatik der Lage dementiert. Wer immer noch eine drastische Entwicklung des Schwänzens postuliert, muss dieses auch durch neue, valide Daten belegen können. Die habe ich aber bisher nicht gefunden.
Die vorgelegten Zahlen haben mich nicht überzeugen können, dass wir in diesem Bereich extreme Probleme haben. Das heißt nicht, dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, wie wir mit dem Problem Absentismus umgehen sollen. Wenn wir uns aber darauf verständigen können, dass es keinen Grund für Aktionismus gibt, dann kommen wir vermutlich zu anderen Lösungsansätzen.
Es besteht kein Anlass dazu, die Polizei durch die Innenstädte zu schicken, um Schulschwänzer aufzugreifen, Stempelautomaten für Schüler einzuführen oder ähnliche drakonische Maßnahmen zu ergreifen. Das Ordnungsrecht oder technische Kontrolle sind nicht besonders geeignete Mittel, um das Problem des Fernbleibens vom Unterricht zu lösen.
Das wird auch dadurch bestätigt, dass das Schwänzen vielleicht eher ein Problem sozial belasteter Kinder und Jugendlicher ist. Überraschend an den vorliegenden spärlichen Daten ist es, dass das Schuleschwänzen anscheinend in den Hauptschulen und sozial belasteten Stadtteilen am stärksten ist. Dieses widerspricht den Erfahrungen aus anderen Ländern. Dort ist der Absentismus vor allem in Gymnasien verbreitet, wo die Autonomie der Schüler am größten ist. Nochmals: Die Angaben im Bericht der Landesregierung sind mit größter Vorsicht zu genießen, und eigentlich nicht verallgemeinerbar. Sie geben aber einen Hinweis auf soziale Probleme, dem wir nachgehen müssen.
Daher teile ich auch die Einschätzung der Landesregierung, dass die Lösung des Problems Absentismus eine Aufgabe für Schule, Sozialarbeit und Eltern ist. Die Folgerungen aus diesem Bericht müssen sein, dass wir erstens bessere Informationen über den Absentismus brauchen - eine entsprechende Studie hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen bereits angekündigt - und zweitens, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir Schule und Jugendhilfe auch im Sinne der Problemintervention besser verzahnen können.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hatte mit seinem Team eine Untersuchung zu den Gewalterfahrungen von Jugendlichen in Schulen in ganz Deutschland durchgeführt. Dabei hatte er festgestellt, dass am Tag der Erhebung in den norddeutschen Städten mehr Schüler in der Schule fehlten, als im Süden - in Kieler Hauptschulen 15,1 %. Allerdings ließ sich anhand der Untersuchung nicht feststellen, weshalb die Schüler fehlten, und ob sie entschuldigt waren.

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