Rääde · Jette Waldinger-Thiering · 24.11.2023 Die Schule muss herkunftsunabhängiger Lernort werden

„Es ist ein Fakt, dass in keinem anderen Industrieland der Bildungserfolg von Kindern so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland. Können wir uns das überhaupt noch leisten angesichts des Fachkräftemangel?“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 58 - Bericht zur Weiterentwicklung der Regelungen zur Lernmittelfreihet (Drs. 20/292)

Nur durch eine echte Lernmittelfreiheit werden wir eine echte Bildungsgerechtigkeit erreichen!
Ich werde nicht müde immer wieder darauf hinzuweisen, dass der Bildungserfolg unserer Kinder nicht von der sozioökonomischen Situation der Herkunftsfamilie abhängen darf. 
Die Ansprüche an das Schulmaterial, das Eltern per Liste besorgen müssen, werden immer höher. Da reicht nicht mehr das Marmeladenglas fürs Tuschwasser, nein- es steht ein spezieller Kunststoffbehälter auf der Liste. Auch Essensgeld für die Mensa oder der Einkauf für die Brotdose muss bezahlt werden.
Und deshalb frage ich wieder - was ist, wenn die Verantwortung der Eltern aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen oder fehlender Einsicht nicht getragen wird? Und das Kind dann nicht zweckentsprechend für den Unterricht ausgestattet ist und vielleicht auch noch einen knurrenden Magen hat und somit auch nicht zweckentsprechend am Unterricht teilnehmen kann? Dann sind wir doch wieder bei den negativen Ergebnissen des IQB-Bildungstrend. Bei den fehlenden basalen Fähigkeiten der Schüler. Bei der fehlenden Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in der Schulbildung. Wie sollen Schüler gute Ergebnisse erzielen, wenn der Magen knurrt und es ihnen an Arbeitsmaterialien fehlt? Solange die Kosten für Lehrmittel von den Eltern getragen werden müssen, wird es Kinder geben, die nicht gut ausgestattet in der Schule erscheinen. Diese Kinder haben nicht die gleichen Bildungschancen, wie Kinder, die gut ausgestattet und mit elterlicher Unterstützung  in die Schule kommen.
Genau das bestätigen auch die aktuellen Ergebnisse der Forsa Befragung der Robert-Bosch-Stiftung. Diese Lücke müssen wir schließen. 
Es ist ein Fakt- das in keinem anderen Industrieland der Bildungserfolg von Kindern so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland. Können wir uns das überhaupt noch leisten angesichts des Fachkräftemangel?
Was nützen die zahlreichen Maßnahmen und Förderprogramme, wenn die Schüler nicht die nötigen Grundvoraussetzungen dafür mitbringen?
An manchen Perspektivschulen wird deshalb eine Mahlzeit angeboten und viele engagierte Lehrer haben einen privaten Reservevorrat an Material oder auch Snacks, um diesen Mangel auszugleichen.
Schauen wir mal auf unsere Nachbarländer, die schon vor Jahrzehnten erkannt haben, wie wichtig Bildungsinvestitionen für die Gesellschaft sind und ihre Schulsysteme reformiert haben.
 Ich bleibe bei dem Beispiel Dänemark. Hier liegt ein Fokus auf „trivsel“, das heißt, auf dem Wohlbefinden der Schüler und Lehrkräfte. Denn wenn es mir gut geht, bin ich auch motiviert und lernfähig.
In Skandinavien oder auch den Niederlanden erscheinen die Kinder quasi mit einem leeren Ranzen zur Einschulung, weil alle Materialien in der Schule ausgeteilt werden und dort auch bleiben können, da es prinzipiell keine Hausaufgaben in der Grundschulzeit gibt und jedes Kind ein eigenes Fach für die Unterrichtsmaterialien im Klassenraum hat.
In den Schulen werden alle sozialen Gesellschaftsschichten zusammengeführt, dadurch entsteht Bildungsungleichheit, diese muss durch Bildungsgerechtigkeit ausgeglichen werden.
Die Schule sollte für die Kinder ein herkunftsunabhängiger Lernort sein.
Und JA! Das kostet alles sehr viel Geld! Und es braucht auch noch viel mehr Investitionen als die Lehrmittelfreiheit. Das heißt, wir müssen neue Prioritäten setzten. Aber am Ende hätte wir doch alle einen Vorteil, wenn unsere Kinder erfolgreich die Schule durchlaufen und als gut ausgebildete Arbeitskräfte dem Markt und der Gesellschaft zur Verfügung stehen. 

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