Speech · 27.04.2012 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im Bildungssystem

Die langjährige Ablehnung der Vorstellung von Deutschland als Einwanderungsland hat bizarre Blüten getrieben; so haben wir erst seit kurzem überhaupt Ansätze einer genauen statistischen Erfassung der Menschen, die hier leben und einen Migrationshintergrund haben.

 

Erst mit dem Zuwanderungsgesetz setzt sich die Bundesregierung mit seinen Neubürgerinnen und Neubürgern auseinander. Daher überrascht es nicht, dass die zugrunde liegenden Zahlen erst mit diesem Jahr - also 2005 - einsetzen und noch gar nicht vereinheitlicht vorliegen. Diese Statistiklücke ist das Symptom einer Politik, die die Integrationsleistung ausschließlich bei den Immigranten verortet. Der SSW weiß aus eigener Erfahrung, welchen Nutzen eine Mehrheitsgesellschaft durch die Auseinandersetzung mit einer Minderheit erwächst. Das wünschte ich mir auch für die Immigranten. Integration ist keine Einbahnstraße.

 

Die dürftigen Statistiken vermitteln nicht mehr als grobe Anhaltspunkte. Denn tatsächlich spielt es statistisch gesehen keine Rolle, ob die Mutter eines Kindes aus England, Indien oder der Türkei kommt. Es stellt sich daher dringend die Frage, ob diese Zahlen überhaupt zu etwas Nutze sind. Ich bin der Meinung: Nein. So zieht die Landesregierung Statistiken, wie den Mikrozensus, heran, um sie dann wieder zu verwerfen, wie sie das auf Seite 13 macht, indem sie Zufallsfehler unterstellt. Auf diese Weise wird dem Fragesteller eine Gewissheit vorgegaukelt, die sich durch keine Zahlen belegen lassen und die der Willkür ausgesetzt sind.

 

Sogar die wenigen genauen Zahlen sind kritisch zu sehen. So weist der Bildungsminister auf seiner Internetseite ausdrücklich darauf hin, dass sich das SPRINT-Programm an Kinder mit und ohne Migrationshintergrund richtet. Genannt werden aber alle Teilnehmer; als ob alle einen Migrationshintergrund hätten. Das ist unseriös. Wir sollten uns einig sein, dass eine Förderung von Deutsch als Zweitsprache nicht deckungsgleich mit einer sprachheilpädagogischen Förderung ist.

 

Bei aller Kritik an statistischen Mängeln lassen sich aber durchaus Strukturen erkennen. Erstens: Wir haben zu wenig Pädagogen mit Migrationshintergrund in den Bildungseinrichtungen, zu wenig Lehrkräfte mit Migrationshintergrund in den Schulen und zu wenig Coaches mit Migrationshintergrund in den Arbeitagenturen. Dieser Mangel sollte schleunigst beigelegt werden, um einerseits die Berufschancen für Migranten zu verbessern und andererseits die Programme zu optimieren, die einfach besser greifen, wenn die Klienten mit Migrationshintergrung auf der anderen Seite mit Profis mit Migrationshintergrund sprechen können. 

 

Zweitens: Die Berufsfachschulen bieten sehr erfolgreiche Angebote besonders für Jugendlich mit Migrationshintergrund. Über die Hintergründe möchte ich gerne mehr erfahren. Drittens: Individuelle Förderprogramme verbessern die schulischen Perspektiven von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Vor diesem Hintergrund müssen wir über eine Verstetigung der Förderung nachdenken. Projekte mögen in einer Erprobungsphase sachdienlich sein. Danach muss aber die individuelle Sprachförderung Standard werden. 

 


 

Zusammenfassend lassen die Antworten noch viele Fragen offen. Die Landesregierung weiß erschreckend wenig über ihre Landeskinder. Und das hat nicht nur statistische Gründe. Bereits 1975 schrieb der Schriftsteller Max Frisch: „Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kamen Menschen.“ 

 


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