Rääde · Jette Waldinger-Thiering · 12.07.2023 Schambefreit und aufgeklärt über geschlechterspezifische Gesundheitsthemen sprechen

„Zu oft wird auch heute noch die Frage gestellt: „Endometriose, was ist das eigentlich“?“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 9 - Die Situation von Endometriose-Betroffenen verbessern (Drs. 20/ 1064(neu))

Ich finde es wichtig, dass wir uns hier in der landespolitischen Öffentlichkeit zum Thema Endometriose austauschen. 
Ein Thema, das – meinem Empfinden nach – in den letzten zehn Jahren deutlich an Aufmerksamkeit dazugewonnen hat und trotzdem noch ein Schattendasein in gesundheitspolitischen Debatten fristet. 

Zu oft wird auch heute noch die Frage gestellt: „Endometriose, was ist das eigentlich“?

Bei Erkrankungen an Endometriose wächst Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle, so etwa an Eierstöcken, dem Darm oder dem Bauchfell. Es kann aber auch außerhalb des Bauchraums, zum Beispiel in der Lunge, zu Endometrioseherden kommen. 
Eine Endometriose beschert Betroffenen dabei nicht nur extreme Krämpfe, Übelkeit oder Kreislaufschwäche, sondern teilweise sogar Unfruchtbarkeit. Die Forschung ist sich nicht abschließend einig, aber wir können wohl davon ausgehen, dass etwa 30 bis 50% der Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben, an Endometriose erkrankt sind. 
Warum wissen trotzdem so wenig Menschen, worum es bei Endometriose geht? 
Ich glaube es hängt damit zusammen, dass wir es gewissermaßen immer noch mit einem Tabuthema zu tun, wenn es um Zyklusbeschwerden oder die Periode an sich geht. 
Wenn man mal über bestimmte politische oder aktivistische Kreise hinwegguckt, sind wir noch lange nicht da, wo wir uns ungeniert über das Thema Periode unter medizinischen und gesellschaftlichen Aspekten unterhalten können. 
Stattdessen werden Köpfe rot und es wird sich witzelnd, geradezu infantil und herablassend darüber geäußert. Glauben Sie mir, ich kenne die Sprüche und Andeutungen, die über „Frauen, die wohl ihre Tage haben“ gemacht werden. 
Ich möchte dazu einmal auf ein Projekt hinweisen, das im letzten Jahr in Form von Videos auf den sozialen Medien die Runde gemacht hat. 
Hierbei ging es um einen Perioden-Simulator, den Männer ausprobieren konnten, um die periodenbedingten Unterleibsschmerzen nachvollziehen konnten, die entstehen, wenn die Muskeln der Gebärmutter sich krampfhaft zusammenziehen. 
Es ist alles ganz lustig aufbereitet und es wird auch gelacht, aber dann krümmen sich die Männer eben doch vor Schmerz. Und nur wenige halten bis zur höchsten Schmerzstufe aus. 
Und das, wie gesagt, sind nur die „normalen“ Periodenschmerzen. Bei einer Endometriose sind die Schmerzen potenziert und können sich durch den ganzen Körper ziehen. 
Nach einer repräsentativen Untersuchung von 2022 nehmen 39 Prozent der Menstruierenden während der Regelblutung Schmerzmittel ein, um ihren Alltag bewältigen zu können. 
Gleichzeitig ist es noch nicht lange her, da wurde in der Fernsehwerbung für Menstruationsartikel Periodenblut mit einer hellblauen Flüssigkeit dargestellt, die von Binden und Tampons aufgesogen wurde. Erst seit 2021 wurde den Zuschauerinnen und Zuschauern der Umgang mit einer roten Flüssigkeit zugetraut. 
Die Nicht-Thematisierung der Menstruation hat auch mit Blick auf Erkrankungen wie Endometriose zu mangelnder Aufklärung in der Gesellschaft und einer unterfinanzierten Forschung geführt. 
Im Schnitt vergehen zehn Jahre bis zur sicheren Diagnose dieser Schmerzerkrankung, obwohl sie zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen zählt und Schätzungen zufolge fünf bis sechs Millionen Menschen in Deutschland daran erkrankt sind. Verwandt mit der Endometriose ist die Erkrankung Adenomyose, die zur Entfernung der Gebärmutter führen kann und daher ebenfalls in dem vorliegenden Antrag bedacht ist. 
Wir fordern daher gemeinsam die Landesregierung auf, eigene Strategievorschläge zur nationalen Strategie Endometriose zu erstellen und diese positiv zu begleiten. Dazu sollen eine Aufklärungskampagne und Forschungsmittel für Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten gehören. Übrigens denke ich macht es Sinn, hier auch die Schulen mit einzubeziehen, um bereits junge Menschen besser über geschlechtersensible Gesundheitsthemen zu informieren. 
Lassen Sie uns dazu beitragen, dass schambefreit und aufgeklärt über geschlechterspezifische Gesundheitsthemen gesprochen werden und Erkrankungen besser begegnet werden kann!

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