Rede · Jette Waldinger-Thiering · 16.11.2017 Alle Jahre wieder...

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 21 - Förderung von besonders begabten, leistungsstarken und potenziell besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern weiterentwickeln

„Aufgabe von Schule ist nicht nur die Vermittlung von Wissen, das vermeintlich wirtschaftlich den meisten Nutzen bringt. Aufgabe von Schule ist die Bildung des ganzen Menschen.“

Die CDU ist schon in besonders ehrgeiziger vorweihnachtlicher Stimmung. 

Sie bringt das Thema Begabtenförderung nicht nur alle Jahre wieder, sondern alle Monate wieder auf unsere Tagesordnung. Erst im Februar haben wir hier über die Förderung von Hochbegabten und besonders Leistungsstarken diskutiert. 

Nun haben Sie in FDP und Grünen endlich Regierungspartner gefunden, die willens sind, so zu tun, als müsse man sich mehr als zuvor der Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler widmen. 

Zum Glück haben aber entweder die Regierungsverantwortung oder die neuen politischen Horizonte der CDU dafür gesorgt, dass wir uns heute nicht über die maximal ausschließenden „Hochbegabtenklassen“ streiten müssen, die die CDU noch Anfang des Jahres gefordert hat. 

Der neue Antrag beruft sich auf die Bund-Länder-Initiative zur Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler, die erst einmal kein Grund zur Aufregung ist. Schülerinnen und Schüler sollen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status im Sinne der Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit gefördert werden. 

Stimmt. Das sollte selbstverständliche Aufgabe von Schule sein. 

Es klappt aber nicht immer. Deswegen wird in der Zielsetzung der Förderinitiative bestimmt, dass besonderes Augenmerk auf Kinder und Jugendliche aus weniger bildungsnahen Elternhäuser, insbesondere mit Migrationshintergrund gerichtet werden soll. Außerdem soll für die Ausgewogenheit der Geschlechter, insbesondere im MINT-Bereich, gesorgt werden.

Auch das finde ich vollkommen richtig. 

Eine gendersensible Förderung kann aber nur durch eine Sensibilisierung der Lehrerinnen und Lehrer funktionieren. Denn wir kennen sie wahrscheinlich alle noch aus der eigenen Schulzeit, den Lehrer, der Mädchen im Physik-Unterricht nicht beachtet. Der findet, Mädchen „können nun mal eben nicht so gut rechnen“. Oder die Lehrerin, die das Fremdsprachenpotential in erster Linie bei Mädchen sieht. Diese Vorannahmen entmutigen unsere Schülerinnen und Schüler und tragen nicht dazu bei, dass potenziell leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ihr Potenzial tatsächlich frei entfalten.   

In diesem Punkt sind wir sicherlich schon gut vorangekommen. 140 Lehrkräfte hatten im Februar Zertifikate als Beratungslehrerkräfte für Begabtenförderung erworben. Aber es schadet nicht, hier aufmerksam zu bleiben. 

Die Förderinitiative legt außerdem Wert auf Diversität und Ausgewogenheit der Zusammensetzung der teilnehmenden Schulen und auch darüber bin ich froh. 

Unsere Gemeinschaftsschulen dürfen hier nicht benachteiligt werden. Und sie müssen es auch nicht. Schließlich obliegt die Auswahl der Schulen den Ländern. Diese Verantwortung liegt also bei unserer Bildungsministerin. 

Ein Problem der Leitlinien der Förderinitiative ist der Inhalt des zweiten Punktes. Er besagt: „Zunächst soll eine Fokussierung auf die Bereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Deutsch und Englisch erfolgen. Sozial-emotionale, künstlerisch-kreative und psychomotorische Potenziale können ergänzend in den Blick genommen werden.“  

Aufgabe von Schule ist nicht nur die Vermittlung von Wissen, das vermeintlich wirtschaftlich den meisten Nutzen bringt. Aufgabe von Schule ist die Bildung des ganzen Menschen. Gerade der Fokus auf die psychisch-emotionale Entwicklung, das Unterstützen eines empathischen Sozialverhaltens und die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken sehe ich als besonders wichtig für unsere Schülerinnen und Schüler an. 

Ich habe auch in meiner letzten Rede zu diesem Thema deutlich gemacht: Für den SSW bedeutet tatsächliche Chancengleichheit das Lernen von- und miteinander. Förderung in Schulen darf keine Elitenförderung sein. Sie muss immer Breitenförderung bleiben. 

Wir wollen ein inklusives Schulsystem und die gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen. Uns geht es um Fairness, einander helfen und voneinander lernen. 

Uns ist es ein Anliegen, ALLE Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer verschiedenen Begabungen zu fördern und zu fordern.  

Alles in allem überwiegen aus unserer Sicht die Pro-Argumente für den Antrag der Regierungsparteien. Wir werden ihm deshalb, vielleicht etwas verhalten, zustimmen. 

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