Rede · Jette Waldinger-Thiering · 24.01.2020 Bei gesellschaftlichen Problemen soll es die Schule richten

„Die Schule ist weder eine Reparaturwerkstatt für alles, was in der Gesellschaft nicht so gut läuft, noch eine Besserungsanstalt. Und die Schülerinnen und Schüler sind auch keine leeren Gefäße, die man nach Belieben mit Inhalten füllen könnte; sondern angehende Bürgerinnen und Bürger unseres Landes.“ 

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 14 - Mehr Unternehmergeist in Schleswig-Holsteins Schulen – 
Landeskonzept Entrepreneurship Education (Drs. 19/1872)

Entrepreneurship, Unternehmergeist oder wie auch immer man das nennen möchte, funktioniert nicht ohne engagierte Beschäftigte, eine unterstützende Standortpolitik und eine vernünftige Infrastruktur. 
Der Antrag tut dagegen so, als ob allein die Stärkung schulischer Lerninhalte die Zahl der Unternehmerinnen und Unternehmer erhöhen wird, was angesichts des komplexen Themas schon ein wenig weltfremd anmutet. 
Leider ist das in den letzten Jahren immer mehr zu einem beliebten Textbaustein geworden: 
bei gesellschaftlichen Problemen soll es die Schule richten. 
Ich möchte nur ein Beispiel nennen: 
Zunahme privater Insolvenzen? 
Kein Problem, höre ich da immer wieder, machen wir eben mehr Verbraucherthemen in der Schule.  
Querschnittsaufgaben kommen immer oben drauf, was dazu führt, dass der Lehrplan weiter verdichtet wird und die Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer zunimmt.
Die Schule ist weder eine Reparaturwerkstatt für alles, was in der Gesellschaft nicht so gut läuft, noch eine Besserungsanstalt. 
Und die Schülerinnen und Schüler sind auch keine leeren Gefäße, die man nach Belieben mit Inhalten füllen könnte; sondern angehende Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. 
Pädagoginnen und Pädagogen setzen sich Tag für Tag dafür ein, dass ihre Schülerinnen und Schüler lernen, selbst zu entscheiden. Sie unterstützen sie dabei, individuelle Bewertungen zu entwickeln. 
Im besten Fall geben sie ihnen einen Kompass in die Hand, mittels dessen sie sich auch nach der Schule gut in der Gesellschaft orientieren können. 
Das ist doch das, was eine demokratische Erziehung tun sollte: Ressourcen entdecken und fördern. 
Das gilt nicht nur für den beruflichen Verwertungszusammenhang, sondern in noch viel stärkerem Maße bei kreativen, musischen oder künstlerischen Neigungen.  Aber gerade in den entsprechenden Fächern konzentriert sich oftmals der Unterrichtsausfall. 
Eigentlich ist das das vorrangige Problem.
Zurück zur Wirtschaft in der Schule, die an vielen Schulen nur am Rande eine Rolle spielt. 
Viele Lehrerinnen und Lehrinnen haben noch nie in einem Betrieb gearbeitet. 
Unternehmerisches Risiko, Mitarbeiterführung oder gewerkschaftliche Auseinandersetzungen mit Streik und Entlassungen kennen sie nicht aus eigenem Erleben. 
Sind sie deshalb schlechte Pädagogen? 
Nein. 
Pädagogik funktioniert nämlich nicht nur durch Vorbild, sondern durch Anschauung und eigenes Erleben. 
Das zeigt sich gerade bei der Berufswahl. Durch die solide und praxisnahe Beratung durch die Arbeitsagentur und die Praktika in den Betrieben, aber auch durch Freiwilligen Dienste erschließen sich jedes Jahr viele Schülerinnen und Schülern für sie ganz neue Berufsfelder. 
Felder, die sich beispielsweise aus dem Elternhaus nicht kannten. Auf diese Weise erobern sich viele Mädchen technische oder handwerkliche Berufe, die sie bislang nicht auf dem Radar hatten – genauso wie Jungen pädagogische und pflegerische Berufe erst durch ein Praktikum schätzen lernen.  
In der fachlichen Vermittlung der Schule sollte es um die Marktwirtschaft gehen; 
ihr Funktionieren, aber auch ihre Grenzen. 
Ich erwarte, dass im Unterricht für Wirtschaft und Politik entsprechende Informationsdefizite erhellt werden. 
Kein Schüler und keine Schülerin sollte in Schleswig-Holstein die Schule verlassen, ohne ein solides Wissen um das Funktionieren des Marktes erworben zu haben. 
Wir werden aus folgenden Gründen den  Antrag der Koalition ablehnen: 
Eine weitere Interdisziplinäre Aufgabe erwartet unsere  Schulen zum nächsten Schuljahr. 
Wann die Lehrkräfte sich auf das Thema vorbereiten sollen ist offen, haben Schulen noch Kapazitäten um diese weitere Projekt umzusetzen? 
Der SSW wünscht sich vielmehr Ruhe in den Schulen, damit endlich die viel zitierte 100 prozentige Unterrichtsversorgung zum Tragen kommt und unsere Schülerinnen und Schüler einen verlässlichen und guten Unterricht der die Stundentafel erfüllt bekommen.

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