Rede · Christian Dirschauer · 17.07.2024 Chancengleichheit beginnt mit einer gesunden frühkindlichen Entwicklung

„Wir müssen unsere Ressourcen bündeln, um unseren Kindern Lebensräume zu schaffen, in denen sie stabile Beziehung erleben und ihre Resilienz gefördert wird.“

Christian Dirschauer zu TOP 27 - Kinder- und Jugendgewalt entschieden entgegentreten (Drs. 20/2328)

Die Berichte in den Medien über Kinder- und Jugendgewalt in Schleswig-Holstein sind gefühlt häufiger und leider auch dramatischer geworden.
Auch wenn anerkannte Studien keine signifikante Steigerung der Gewalt bei Jugendlichen und Kindern feststellen, so hat sich diese offensichtlich verändert.
Verändert haben sich auch die Lebensverhältnisse der Kinder und Jugendlichen. Viele Familien haben mit den unterschiedlichsten Herausforderungen im Alltag zu kämpfen. Bei einigen fehlt es nicht nur an Geld und Zeit, sondern auch an Kraft und Kapazitäten, um ihre Eltern-Rolle ausreichend auszufüllen.
Das bestätigen die gestiegenen Zahlen der Kindeswohlgefährdung und der Inobhutnahmen der Jugendämter. Viele Kinder sind in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung gefährdet.
Gewalttätige, aggressive Kinder mit schwierigem Sozialverhalten, sind keine Kinder, die man sanktionieren muss, sondern Kinder in höchster Not.
Es sind Kinder, die nicht die Unterstützung und die sicheren Beziehungen erlebt haben, die es braucht, um ein gesundes Sozialverhalten und eine emotionale Regulation zu entwickeln.
Die Diskussion über die Absenkung des Alters der Strafmündigkeit ist deshalb auch absolut nicht zielführend und würde nichts an dem eigentlichen Problem ändern.

Wenn wir effektive Lösungsansätze entwickeln wollen, müssen wir präventiv in den Familien ansetzen. Die Hilfestrukturen der Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe und des Bildungssystems müssen vernetzt und verbunden werden. Wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden, sondern dahin schauen, wo es schon funktioniert, und gute Konzepte greifen.
Auch wenn es Fälle gibt, in denen gefährdete Kinder bereits im Kindergarten oder in der Grundschule auf eine Bezugsperson treffen, die in einem stabilen Umfeld fehlende Begleitung der Eltern kompensieren kann, so ist das angesichts der angespannten Personallage in Kitas wie auch in den Schulen nicht selbstverständlich.
Im Gegenteil - Kinder und Jugendliche, die das Klassen- und Schulgefüge belasten und nicht mehr als tragbar empfunden werden, sind schnell beurlaubt, der Schule verwiesen oder es kommt zu Absentismus.
Allerdings ist das Problem der Kinder- und Jugendgewalt auch kein alleiniges Schulproblem, sondern ein Gesamtgesellschaftliches Problem. Es ist die gemeinsame Aufgabe aller Gesellschaftsbereiche dafür zu sorgen, dass unsere Kinder in Schleswig-Holstein unabhängig ihrer Herkunft eine Chance auf eine gesunde Entwicklung bekommen.
Deshalb freut es mich sehr, dass sich auch die neue Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes s das Thema Chancengleichheit auf die Fahnen geschrieben hat.
Denn die Chancengleichheit in Bezug auf eine gesunde frühkindliche Entwicklung, die wir als SSW schon lange fordern, ist die Basis für einen guten Start ins Bildungssystem.
Wie im Antrag beschrieben sind vor allem präventive Ansätze im Bereich der frühen Hilfen, der Elternarbeit und dem Kinderschutz zu fokussieren. Auch wenn alle 13 Punkte des Antrages gute und wichtige Aspekte beinhalten und alle in die richtige Richtung gehen, so müssen wir aufpassen, dass wir unser Schulsystem nicht mit zu viel Papier und theoretischen Konzepten überfrachten.
Wie bereits im Perspektivschulprogramm erkannt wurde, müssen die Konzepte aus der Praxis entstehen und dann an Ort und Situation angepasst werden. Wir müssen unsere Ressourcen bündeln, um unseren Kindern Lebensräume zu schaffen, in denen sie stabile Beziehung erleben und ihre Resilienz gefördert wird.

Bei unserer derzeitigen Haushaltslage stellt sich immer wieder die Frage der finanziellen Machbarkeit. Hierzu möchte ich sagen; wir haben viele gute Ressourcen und Konzepte in unserem Bildungs- und Sozialsystem. Es geht aber darum sie auch richtig einzusetzen.
Generell ist es am Ende aber auch eine finanzielle Priorisierung, was wir mit dem Geld, das wir zur Verfügung haben, tun oder nicht tun. Kinder und Jugendliche sollten dabei unsere höchste Priorität erhalten.

 

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