Rede · Jette Waldinger-Thiering · 23.03.2018 Das Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 19 - Bewerbung immaterielles Weltkulturerbe „Deutsch-dänisches Grenzland“ unterstützen

„Das Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten im Grenzland hat es verdient, international anerkannt zu werden!“ 

Die Bewerbung darum, das Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheiten im deutsch-dänischen Grenzland in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufzunehmen ist etwas Besonderes. 

Der Bund Deutscher Nordschleswiger und Sydslesvisk Forening haben als kulturelle Vertretungen der deutschen und dänischen Minderheiten gemeinsam den Antrag erarbeitet, den nun auch der Landtag unterstützen will. 

Das Ziel der Initiative ist es, bis 2020 von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt zu werden. Dafür muss es das Grenzland erst einmal auf die beiden nationalen Listen schaffen. In Dänemark hat das schon geklappt. 

In Deutschland gibt es ein mehrstufiges Verfahren zur Aufnahme in das Verzeichnis. Der Zweck des Verzeichnisses ist es, die Vielfalt der kulturelleren Ausdrucksformen darzustellen.

Und Vielfalt ist nun wirklich eines der ersten Worte, das mir einfällt, wenn ich an unsere Heimat denke. 

Auf den ersten Blick ist die Idee vielleicht etwas sperrig, sie ist schwer greifbar. Das Zusammenleben der Menschen im deutsch-dänischen Grenzland soll ja nicht als UNESCO-Welterbe gewürdigt werden, das man irgendwie besuchen kann. Oder als kulturelle Ausdrucksform im Sinne einer bestimmten Fähigkeit, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sondern gewissermaßen als Beispiel für eine grenzüberschreitende Vielfalt, als Beispiel einer friedlichen Lösung eines national aufgeladenen Konfliktes. Als sogenanntes Gutes Praxisbeispiel, das zum Nachahmen anregen soll. Und genau das macht es so speziell.

Alleine dass die Anstragsstellenden die jeweiligen Vertretungen der Minderheiten sind, macht das schon deutlich. Die Minderheiten im Grenzland verstehen sich, so betonen sie selbst, als Menschen, die Brücken zueinander bauen.   

Die Generation meiner Großeltern hat noch ein anderes Verhältnis zu der deutschen Mehrheitsbevölkerung gehabt als wir es jetzt haben.  Und die deutsche Mehrheitsbevölkerung blickte in der Masse anders auf uns, als es die Meisten jetzt tun. Das alles war verständlich. Mit dem Aufkommen der Nationalromantischen Idee und einem erstarkenden Nationalismus im frühen 19. Jahrhundert verhärteten sich die Konflikte in der Grenzregion. 

1848-1850 dann der erste Schleswigsche Krieg. 1864 der Zweite. 1920 die beiden Volksabstimmungen, die zur Grenzverschiebung und zur Teilung Schleswigs führten. 

In den Jahren darauf gab es immer wieder Forderungen nach einer Grenzrevision.  Schließlich folgte die Zäsur durch das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. 

Zehn Jahre später, im Zustandekommen der Bonn-Kopenhagener Erklärungen 1955 verbesserten sich die Bedingungen für die Minderheiten. Sie bekamen Schutz und Förderungen. Diese Entwicklung führte schließlich, zu dem Alltag, den wir heute alle miteinander leben. 

Flemming Meyer lebt als Däne mit deutschem Pass in Schafflund. Lars Harms lebt als Friese in Husum. Und ich selbst lebe als Südschleswigerin mit friesischen und dänischen Wurzeln in Eckernförde. Und zwar integriert, aber nicht assimiliert. 

Wir haben unsere Identität nicht aufgegeben.

Wir leben ganz normal mit unseren Nachbarinnen und Nachbarn zusammen. Wir leihen uns gegenseitig Butter zum backen und beschweren uns beieinander, wenn die Teenies nebenan zu laut Musik hören. Hundert Jahre nach der Grenzziehung herrscht hier Frieden. 

Vielleicht kann man sogar sagen, dass wir beginnen uns einem Zustand wie vor 1850 wieder anzunähern. Wo die nationale Identifikation im Zusammenleben an Bedeutung verliert. 

Heute gehen auch deutsche Kinder auf dänische Schulen. Heute lernen wir die Sprachen der Anderen. Wir sind an Mittsommer gemeinsam zu lange wach und lauschen in der Weihnachtszeit dem Lucia-Chor. 

Dieser Charakter der Region hat es durchaus verdient auch international anerkannt zu werden. 

Und gerade mit Blick auf das 2020 stattfindende hundertjährige Jubiläum der Grenzziehung kann ich mir eigentlich kein besseres Signal vorstellen.  

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