Rede · 10.10.2014 Eine Grundschule ohne Noten ist nicht leistungsfeindlich sondern motivierend

Wir haben im Frühjahr große Diskussionen und eine umfangreiche Presseberichterstattung zum Sinn und Unsinn von Notengebung in Grundschulen erlebt. Auslöser war ein entsprechender Vorstoß der ehemaligen Bildungsministerin und der regierungstragenden Fraktionen. Unser Ziel war es, und unser Ziel ist es, das vor allem in Grundschulen weniger auf Noten und mehr auf Berichts- und Tabellenzeugnisse gesetzt wird. Für die Klassen drei und vier haben wir diese Möglichkeit zwar eröffnet, letztlich liegt die Entscheidung aber bei der Schulkonferenz. Und auch wenn davon in sehr unterschiedlichem Umfang Gebrauch gemacht wird, gelten für die weiterführenden Schulen ähnliche Regelungen. Diese Punkte dürften eigentlich allgemein bekannt sein. Warum die Opposition nun aber weiterhin mit Forderungen kommt, die vom Grundsatz her schon umgesetzt werden, verwundert dann doch ein wenig.


Wie erwähnt, sind Berichts- und Tabellenzeugnisse längst Realität. Und die Forderung, dass diesen Zeugnissen zur besseren Vergleichbarkeit landeseinheitlich Standards zugrunde liegen müssen, ist natürlich richtig. Doch auch hier haben wir uns nach meinem Wissen längst auf den Weg gemacht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Bei einer so tiefgreifenden Veränderung bei der Beurteilung unserer Kinder müssen wir natürlich sehr gründlich arbeiten. Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind uns deshalb sehr willkommen. Es nützt in meinen Augen nur wenig, wenn in erster Linie Dinge gefordert werden, die wir eben schon auf den Weg gebracht haben oder wo zumindest schon ein erster Aufschlag vorliegt.


Losgelöst von Detailfragen freut mich natürlich, dass auch ein Teil der Opposition die Vorteile von Entwicklungsberichten gegenüber Ziffernnoten sieht. Denn solche Kompetenzraster vermitteln einen deutlich differenzierteren Blick auf Fähigkeiten, Kenntnisse und Leistungen der Schülerinnen und Schüler, als schlichte Schulnoten. Das Aneignen von Wissen und messbaren Kompetenzen ist zwar ein wichtiger Teil der schulischen Bildung. Aber er ist eben nicht der einzige. Daneben stehen auch die Förderung von künstlerischen oder emotionalen Fähigkeiten und die Vermittlung von sozialen Kompetenzen. Dinge, die sich nun mal schwer in eine Skala von eins bis sechs zwängen lassen. Und dies gilt ganz besonders vor dem Hintergrund von zunehmend heterogenen Grundschulklassen in einem inklusiven Schulsystem.


Doch die Abkehr von Ziffernnoten macht nicht nur eine viel detailliertere Beschreibung der Entwicklung unserer Kinder möglich. Sie gibt unseren Lehrerinnen und Lehrern auch mehr Freiräume. Durch Zeugnisse in Berichts- oder Tabellenform können Stärken und Schwächen und eben auch individuelle Lernerfolge aufgezeigt werden. So wird zum Beispiel Kindern, die im Verhältnis zum Durchschnitt vielleicht eher schwächer abschneiden und sich trotzdem entwickeln, nicht sofort die Motivation genommen. Wo bisher am Anfang wie am Ende des Schuljahres vielleicht die Note fünf stand, werden jetzt Lernerfolge und Fortschritte genauso sichtbar, wie bestehende Defizite. Das halte ich für eine klare Verbesserung.

Meine Damen und Herren: Ohne Zweifel haben wir es hier mit einer gravierenden Veränderung zu tun. Es liegt in der Natur der Sache, dass auch an den Grundlagen und Standards für die Entwicklungsberichte weiter gefeilt werden muss. Wie bei so vielen neuen Dingen, ist nicht alles von Beginn an fehlerfrei und komplett ausgereift. Aber auch hier, auf diesem sinnvollen Weg in Richtung Entwicklungsbeurteilung anstelle von reiner Bewertung, werden wir immer besser. Um das Ziel einer inklusiven Schule zu erreichen, sehe ich kaum eine Alternative. Inklusive Schule - und hier gebe ich den Piraten völlig Recht - erfordert nun einmal neue Standards der Leistungs- und Lernfortschrittsanalyse. Dass wir im Laufe dieses Verfahrens auch auf einheitliche Standards und auf die Vergleichbarkeit achten müssen, versteht sich in meinen Augen von selbst.


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