Rede · Flemming Meyer · 27.09.2001 Handwerksbericht

Ich möchte zwei Zitate des Berichtes voranstellen: „Das Handwerk in Schleswig-Holstein war in den letzten fünf Jahren von einem kontinuierlichen Personalabbau gekennzeichnet.“ und „Das Handwerk in Schleswig-Holstein entwickelte sich deutlich schlechter als die Gesamtwirtschaft.“
Beide Zitate zeigen in welch schwieriger Situation wir uns befinden.

Vor einiger Zeit haben wir schon eine Anhörung des Baugewerbes durchgeführt, in der deutlich wurde, was das Baugewerbe fordert:

1. Gleiche Marktbedingungen für alle Marktteilnehmer
2. Mehr öffentliche Aufträge

Wie das mit den öffentlichen Aufträgen ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Einmal im Jahr, in den Etatberatungen drehen wir die Mark mehrfach um, bevor wir sie verplanen. Und sämtliche Kreise und Kommunen tun es uns gleich. Die öffentlichen Haushalte haben kaum Geld und die öffentlichen Aufträge sind daher bei den Baumaßnahmen auch zurückgegangen. Dies ist zu bedauern, wird sich aber wohl auf längere Sicht nicht gravierend ändern.

Hinsichtlich der gleichen Marktbedingungen kann ich sagen, dass dies in der Tat die alles entscheidende Frage ist. Wenn es uns nicht gelingt, die gesetzlichen Grundlagen so zu gestalten, dass alle Marktteilnehmer zu den gleichen Bedingungen antreten, gibt es keinen echten Wettbewerb. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass man zum Erhalt der Konkurrenzfähigkeit unbedingt die Löhne senken muss.

In Deutschland und in ganz Europa wird dieses Thema heiß diskutiert. Als Stichwort nenne ich nur die gesetzliche Verpflichtung zu Tariftreueerklärungen und die Diskussionen über Vergabegesetze. Diese Diskussionen sind in vollem Gange und auch wir als SSW haben ja mit einem Vorschlag für ein Landesvergabegesetz konkret gehandelt.

Niedriglohngebiete und regionale Sondertarife sind in jedem Fall nicht der richtige Weg. Regionale niedrigere Tarife sind Lohndumping mit anderen Mitteln – nichts anderes. Lohndumping kann nicht das Mittel zur Problemlösung sein, sondern gleicher Lohn für alle ist der Weg hin zu einem einheitlichen Wettbewerb – dieses Ziel gilt es zu verfolgen und das gilt es in Gesetzesform zu gießen und zwar sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene.

Es wird auch zu Recht immer wieder darauf hingewiesen, und der Bericht geht ebenfalls darauf ein, dass die hohen Lohnnebenkosten eine der Ursachen sind, die die Entwicklung des Handwerks behindern. Das ist richtig. Und ich glaube man hat dies allerorts erkannt. Nur die Senkung der Lohnnebenkosten um einen Prozentpunkt reicht da nicht aus. Was wir brauchen wäre eine Änderung des Systems hin zu einer streuerfinanzierten sozialen Absicherung wie wir es zum Beispiel in Dänemark haben – allerdings auf hohen sozialen Niveau. Dies würde aber das komplette System in Deutschland umkrempeln.

Ich glaube es ist unrealistisch, dass das in absehbarer Zeit geschieht. Es wird ja auch noch nicht einmal in Ansätzen ernsthaft politisch andiskutiert. Daher sollten wir uns nicht von dem Argument „Lohnnebenkosten“ blenden lassen. Das was im Rahmen unseres heutigen Systems erreicht werden kann, wird uns nicht besonders weit voranhelfen, wie auch die letzten Bemühungen der Bundesregierung gezeigt haben.

Ein besonderes Problem, das sich gerade dem Handwerk stellt, ist aber die Frage der Nachfolge für die derzeitigen Betriebsinhaber. Bei unseren kleinen und kleinsten Unternehmen mit oft weniger als 10 Beschäftigten wird sich dies aufgrund des anstehenden Generationenwechsels noch verstärken. Die Anforderungen an die Unternehmensführung sind enorm gestiegen.

Das ganze lässt sich nicht mehr nur so nebenher erledigen. Fehler im Management, auch bei kleinen Unternehmen, werden gnadenlos bestraft. Diese Entwicklungen können zusätzlich zu erheblichen Problemen für das Handwerk im allgemeinen führen. Die Landesregierung hat nun in ihrem Haushaltsentwurf für 2002 die Zuschüsse für die Existenz- und Nachfolgeberatung komplett gestrichen. Ich glaube, das ist der falsche Weg, der uns im Nachhinein teurer kommen wird, als im ersten Moment gedacht.

Einen Erfolg stellen dahingegen die regionalen Weiterbildungsverbünde dar. Diese Weiterbildungsverbünde bekommen wirklich Lob von allen Seiten. Die Zusammenfassung der Weiterbildungsinstitutionen hat Vorteile für Anbieter und Nachfrager von Bildungsleistungen. Bezogen auf das Handwerk kann man ganz klar feststellen, dass viele ergänzende Qualifikationen erreicht werden können. Diese Qualifikationen zum Beispiel im Bereich Unternehmensführung und neue Technologien sind dringend notwendig.

Nicht dass ich missverstanden werde: Die Ausbildung in den Handwerksbetrieben ist gut, aber die Anforderungen steigen ständig und es kommen immer neue Herausforderungen auf das Handwerk zu. All diese notwendigen Kenntnisse können nicht nur in der Ausbildung vermittelt werden, sondern müssen in späteren Weiterbildungen erworben werden. Genau hier setzen die Weiterbildungsverbünde an und stützen so unsere regionale Wirtschaftsstruktur.

Ein Hauptproblem der Handwerks ist aber auch, dass die Lehrberufe im Handwerk nicht als sehr attraktiv gelten. „Handwerk hat goldenen Boden“ ist schon lange nicht mehr das Motto nach dem sich die jungen Leute ihre zukünftigen Berufe aussuchen. Es gibt einen immer größeren Drang in die Berufe außerhalb des Handwerks. Vor allem Jugendliche mit guten Schulabschlüssen und höherer Bildung werden kaum vom Handwerk angelockt.

Dies ist ein teilweise auch ein hausgemachtes Problem. Wer immer nur hört, die Zukunftsperspektiven im Handwerk seien schlecht und das Handwerk hätte vor allem eine soziale Funktion was die Berufsausbildung angeht, der überlegt sich dreimal, ob er wirklich einen Beruf im Handwerk lernen soll.

Dabei ist das Handwerk durchaus attraktiv. Die Attraktivität des Handwerks muss aber auch nach außen dargestellt werden. Dabei kommt es auf uns alle an. Aber insbesondere die Handwerksverbände müssen versuchen das Image des Handwerks zu verbessern. Nur dann, wenn man junge Leute für eine Ausbildung im Handwerk gewinnen kann, hat man die Chance, dass die gut qualifizierten jungen Menschen dem Handwerk den Schub geben können, den es braucht.

Ein Wort zu guter letzt noch zum Thema Konkurrenz durch dänische Unternehmen, die in Schleswig-Holstein tätig sind. Im Europaausschuss wurde uns kürzlich, in Zusammenhang mit Informationen zum grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt, deutlich gemacht, dass dänische Unternehmen oft den deutschen Markt scheuen, weil die bürokratischen Hürden immer noch sehr hoch sind.

Für deutsche Unternehmen, die in Dänemark tätig werden wollten, hat sich vor allem die Sprachbarriere als hinderlich erwiesen. Die Tarifstrukturen sind auf beiden Seiten der Grenze ungefähr gleich. Wobei aber das steuerfinanzierte Sozialsystem in Dänemark dazu führt, dass die dänischen Handwerker um einiges billiger sind als die deutschen.

Ich glaube dennoch, wir sollten die Konkurrenz aus dem Norden nicht überbewerten, wenn es darum geht, strukturelle Lösungen für unser Handwerk zu suchen. Die Probleme vor denen wir stehen, liegen sicherlich an anderer Stelle, wie ich auch versucht habe deutlich zu machen.

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