Rede · Flemming Meyer · 03.04.2003 Hochschulentwicklung in Schleswig-Holstein

„Aller Anfang ist leicht – wenn man ihn mit dem Ende vergleicht“, soll der deutsche Immun-biologe Gerhard Uhlenbrock gesagt haben. Aber ich glaube, wir haben mit dem Bericht der Erichsen-Kommission einen guten Ausgangspunkt, der es uns erleichtert, zu einem guten Ende zu kommen. Die Expertenkommission wurde geboren aus der schmerzhaften Einsicht, dass nichts mehr geht in der Hochschulpolitik in Schleswig-Holstein. Wenn man die Diagnose der Kommission in politische Alltagssprache fassen sollte, dann lautet die Konklusion wohl: Die Hochschulen haben heute zu viel zum Sterben - aber zu wenig zum Leben. Vielfach haben Lehrende und Studierende in Schleswig-Holstein nicht mehr als das hochschulpolitische Existenzminimum. Wer das ändern will, ohne, dass dem Land mehr Geld zur Verfügung steht, muss umverteilen. Jetzt liegen uns die entsprechenden Vorschläge vor und alle Beteiligten müssen die Chancen nutzen, die sich hieraus ergeben. Es ist besonders erfreulich, dass die Hochschulen sich bereits selbst dazu verpflichtet haben.

Wir finden, die Kommission hat gute Arbeit geleistet. Sie hat eine Reihe von Vorschlägen zur Reformierung der Universitäten und Fachhochschule vorgelegt, die wir ohne weiteres unter-stützen können. Dazu gehört die Modernisierung der Studienstrukturen durch internationale Bachelor- und Masterabschlüsse ebenso wie eine Reform der Finanzierungsstrukturen durch 5-Jahres-Verträge, leistungsbezogene Mittelvergabe und einen Innovationsfonds. Diese Instrumente können dazu beitragen, den Hochschulen finanzielle Planungssicherheit zu geben und neue Entwicklungen zu fördern. Wir werden dies aber im Einzelnen noch bewerten, wenn die Landesregierung dem Landtag entsprechende konkrete Vorschläge unterbreitet. Eine gewisse Skepsis hegt der SSW bezüglich der vorgeschlagenen neuen Leitungsstrukturen, die den Rektoren und Dekanen größere Macht im Verhältnis zu den Hochschulgremien verleihen soll. Hier wird vieles davon abhängen, inwieweit die Landesregierung es schafft, die richtige Balance zu finden. Der SSW unterstützt die Zielsetzung der Kommissionsarbeit, die Hochschulen des Landes durch Schwerpunktsetzung im Wettbewerb zu positionieren. In diesem Sinne hat die Expertenkommission wirklich vermocht, einen Bericht zur Weiterentwicklung der Hochschullandschaft in Schleswig-Holstein vorzulegen, und dafür verdient sie unseren Respekt und Dank. Dieser Dank gilt ausdrücklich auch all denen, die durch die populäre Be-nennung „Erichsen-Kommission“ im Schatten des Vorsitzenden gearbeitet haben.

Die Kommission hat ihre Bewertung maßgeblich auf der Grundlage wissenschaftspolitischer Erwägungen vorgenommen. Das war ihr Auftrag. Die Landespolitik muss jetzt die Vorschläge gesamtpolitisch bewerten. Es ist unsere Aufgabe darauf zu achten, dass neben dem wissenschaftspolitischen Gehalt auch die strukturpolitische Gewichtung stimmt und andere wichtige Aspekte berücksichtigt werden.

Für den SSW spielen natürlich die Einrichtungen im Landesteil Schleswig eine herausragende Rolle. Unsere Hochschulen bedeuten nicht nur Ausbildung und Arbeit für die Menschen in der Region, sie sind auch Dünger für die wirtschaftliche Entwicklung im Norden des Landes. Bei der Lektüre der Vorschläge der Erichsen-Kommission stellen wir jetzt erfreut fest, dass die wissenschaftspolitische Vernunft sich durchaus mit diesen regionalen Interessen verträgt.

Wir bedauern sehr, dass der Standort Eckernförde von der Kommission zum aufgegeben wird. Das ist ein harter Schlag für die Stadt und ihr Umland. Trotzdem überwiegt der positive Eindruck – denn immerhin werden alle selbständigen Standorte erhalten und die Autonomie der Hochschulen wird gewahrt. Uns freut vor allem, dass nicht - wie ursprünglich befürchtet - wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge aus Flensburg nach Kiel verlagert werden. Die Wirtschaft in der nördlichen Region ist durch einen besonders schwach ausgeprägten Dienstleistungssektor gekennzeichnet. Deshalb wäre die Schwächung wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge ein herber Rückschlag für den Landesteil Schleswig.

Die deutsch-dänischen Studiengänge „internationales Management“ und „Umwelt- und Energiemanagement“ sollen nach Ansicht der Kommission an der Fachhochschule Flensburg weitergeführt werden. Das können wir grundlegend akzeptieren. Allerdings gibt es dabei noch offene Fragen, denn die grenzüberschreitenden Studiengänge sind ja nicht zufällig an der Universität Flensburg entstanden. Wir haben es hier mit besonders zarten und wertvollen Pflänzchen zu tun, die nicht einfach herausgerissen und umgetopft werden können, ohne dass der Boden bereitet wird und die Gärtner weiter darum hegen.

Der SSW verschließt sich nicht dem von der Erichsenkommission vorgeschlagenen Weg, wenn dieser wirklich realisierbar ist, ohne die Studiengänge in ihrer Substanz zu gefährden. Es geht hier um internationale Studiengänge, die nicht allein im Bereich schleswig-holsteinischer Hochschulen und Politik liegen. Darin besteht ja gerade ihre Besonderheit. Die Pläne zur Verlagerung von der Universität an die Fachhochschule müssen also erst einmal mit den dänischen Kooperationspartnern erörtert werden, bevor ein Urteil gefällt werden kann. Die Landesregierung muss auch sicherstellen, dass die Verlagerung des „internationalen Managements“ und des „Energie- und Umweltmanagement“ an die Fachhochschule nicht zu einer Auswanderung des akademischen Personals aus diesen Studiengängen führt. Uns ist allen bewusst, dass für die Lehrkräfte an der FH andere Arbeitsbedingungen gelten. Die wenigen Lehrenden sind aber tragende Säulen der grenzüberschreitenden Studiengänge und müssen deshalb in Flensburg gehalten werden. Wenn dieses bei einer Verlagerung an die FH nicht gewährleistet werden kann, dann müssen die Beteiligten gemeinsam andere Wege ausloten. Ich bin aber zuversichtlich dass eine Lösung gefunden wird.

Der SSW meint nach wie vor, dass wir im Norden des Landes eine starke, breite Universität brauchen. Wir akzeptieren aber, dass sich dieser Traum mit den vorhandenen Mitteln des Landes nicht in den nächsten Jahren realisieren lässt. Unter diesen Voraussetzungen können wir dem Vorschlag der Expertenkommission vieles abgewinnen, die Uni Flensburg zu einem universitären Zentrum der Vermittlungswissenschaften zu machen. Das gilt nicht zuletzt vor dem Hintergrund der von der Kommission angesprochenen Reform der Lehrerausbildung. Die angeregte Modularisierung mit einem Bachelorabschluss als Grundlage ist der richtige Weg, um die starre Ausrichtung auf das Lehramt an Schulen aufzuweichen und den Absolventen eine größere berufliche Flexibilität zu geben.

Für die neue Schwerpunktsetzung der Hochschule wird allerdings entscheidend sein, dass der Hochschulstandort Flensburg die Mittel erhält, um sich im Sinne des neuen Leitbilds weiterentwickeln zu können. Die Erichsen-Kommission sagt deutlich, dass die Uni Flensburg seit der Umwandlung von einer pädagogischen Hochschule zur Universität vom Land nicht die notwendigen Ressourcen bekommen hat. Um das auszugleichen reicht es nicht aus, dass mit den Lehramtsstudienplätzen, dem Heilpädagogikum und den Diplompädagogen entsprechende CAU-Mittel mit nach Flensburg umziehen. Die Universität muss die Ressourcen haben, um sich innerhalb ihres eingegrenzten Aufgabenfeldes der Vermittlungswissenschaften mit Forschung und Lehre zu positionieren und durch neue Studiengänge zukunftsträchtig weiter zu entwickeln.

Insbesondere angesichts der Perspektive, dass in einigen Jahren die Nachfrage nach Lehrkräften wieder abnimmt, muss die Hochschule die Chance bekommen, innerhalb des neuen Schwerpunktes weitere Standbeine zu entwickeln. Die Erichsen-Kommission weist in diesem Zusammenhang selbst darauf hin, dass dem deutsch-dänischen Studiengang „Sprach- und Kulturmittler“ hier Modellcharakter zukommt. Dem stimmen wir zu. Auch wenn der Fächerkanon der Universität aus finanziellen Gründen begrenzt bleibt, muss das Profil dieser Hochschule durch grenzüberschreitende Studiengänge geprägt sein. Das erfordert, dass die Hochschule mit den ehrgeizigen Plänen ihrer Partner nördlich der Grenze mithalten kann. Der neue Campus in Sønderborg wird einen Entwicklungsschub für die Region bringen, von dem auch Schleswig-Holstein profitieren kann, wenn wir nur die Chance ergreifen. Die Landesregierung muss durch die entsprechenden Mittel gewährleisten, dass die Universität Flensburg aus finanzieller Not nicht doch wieder zu einer reinen PH eingedampft wird.

Der SSW wird sich jetzt konstruktiv mit dem Bericht der Erichsen-Kommission und den daraus abgeleiteten Initiativen der Landesregierung auseinandersetzen. Wir erwarten, dass alle Beteiligten diesen Bericht ebenso konstruktiv lesen. Dass man dabei nicht alle Interessen berücksichtigen kann, ist klar. Wir fordern aber eine saubere politische Bewertung, die alle Folgen der vorgeschlagenen Hochschulreform berücksichtigt.

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