Rede · Jette Waldinger-Thiering · 14.11.2019 Neue Beschäftigungsmodelle und mehr Gleichberechtigung an den Hochschulen

Wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass befristete Arbeitsverträge und Projektfinanzierungen immer noch die Regel und nicht die Ausnahme sind.

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 43 - Ziel- und Leistungsvereinbarungen (Drs. 19/1685)

Die Hochschulen fahren in Schleswig-Holstein jetzt die Ernte ein, dessen Saat noch die Küsten-Koalition gelegt hat. Die großen Kraftanstrengungen für stabile Finanzstrukturen haben sich gelohnt.
Dennoch bleiben einige Punkte, an denen wir dranbleiben müssen. 
Erstens. 
Frauen haben es auch im Wissenschaftsbetrieb Schleswig-Holsteins schwer: 
Sie sind unterrepräsentiert und haben nicht die gleichen Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere wie die Männer. Die EUF in Flensburg macht vor, wie Gleichberechtigung funktionieren kann. Bis die CAU allerdings Versäumtes nachholt, werden wohl noch Jahrhunderte vergehen. 
Ich würde mir wünschen, dass die Landesregierung diesem Missstand energischer entgegentreten würde. 
Die Rückkehrprogramme für Arztinnen sowie das Habilitandinnenprogramm der CAU werte ich nur als Baustein einer umfassenden Strategie. 
Den Habilitandinnen an der Medizinischen Fakultät in Kiel zusätzliche Mittel zur Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen, ist nur die zweitbeste Lösung.  Besser wären mehr Betreuungsplätze an der Universität zu schaffen – davon würden dann auch die Väter profitieren. 
Zweitens. 
Die Hochschulmedizin ist in unserem Land auf einen sehr guten Stand. Die Forschung in einigen Bereichen sogar führend. Langsam kommen auch die Gebäude und die Geräteausstattung aus dem Dornröschenschlaf. Aber dazu müssen auch die Entlohnungen passen. 
Eine vernünftige Vergütung im Praktischen Jahr sollten wir in naher Zukunft verbindlich regeln.
Drittens. 
Die Hochschulstandorte in Schleswig-Holstein belegen mit großartigen Projekten und Forschungsbereichen ihre Exzellenz.  Für den Landesteil Schleswig freut es mich besonders, dass die Europa-Universität in Flensburg ihr Image als hässliches Entlein abstreifen konnte. 
Sie kann sich selbstbewusst anderen Mitbewerbern präsentieren, unter anderem, was die Praxisorientierung im Lehramtsstudium und das Thema Inklusion betrifft.  Die Kooperation mit Dänemark hat dabei sicherlich eine förderliche Rolle gespielt. 
Viertens: 
Ich freue mich sehr, dass mit der Besetzung der zwei Jahrzehnte vakanten Friesisch-Professur die Studierendenzahlen im Bereich der Minderheitensprachen gestiegen sind. 
Die Förderung von Dänisch als Sprache unserer Nachbarn ist darüber hinaus ein Erfolgsmodell. 
Fünftens: 
Die Weiterentwicklung der Hochschulkooperationen in den Ostseeraum hinein, ins Baltikum, Russland, Polen und Skandinavien ist unverzichtbar. 
Besondere Anstrengungen in diesem Bereich müssen aber auch besonders honoriert werden.
Sechstens. 
Die Strategie bei den MINT-Fächern ist noch nicht klar erkennbar. Die hohe Abbrecherquote bei angehenden Mathe- und Nachturwissenschaftslehrkräften ist ein Problem, dem wohl mit der geplanten Arbeitsgruppe allein nicht beizukommen ist. Mich würde schon interessieren, was die Studierenden dazu sagen. 
Wenn naturwissenschaftlicher Unterricht attraktiv und lebendig in der Schule gestaltet wird, entscheiden sich die Schülerinnen und Schüler später auch für entsprechenden Berufe. 
Die bessere Vermittlung im Bereich Naturwissenschaften und Mathematik muss also entschlossen vorangetrieben werden, damit die gesamte Gesellschaft davon profitiert. 
Siebtens: 
Drittmittel sind ein Thema, das man mit Argusaugen verfolgen sollte, weil über Drittmittel mehr Entscheider ins Hochschulsystem kommen. 
Im Zusammenhang mit den Finanzen möchte ich allerdings lobend erwähnen, dass Probleme mit dem Mittelabruf klar erkannt wurden. 
Keine Rede zur Hochschulpolitik sollte ohne das Dauerärgernis der befristeten Verträge auskommen. 
Wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass befristete Arbeitsverträge und Projektfinanzierungen immer noch die Regel und nicht die Ausnahme sind. 
Werden erst die Baby-Boomer in die Pensionen gehen, geraten die Hochschulen mit diesen antiquierten Job-Strukturen auf dem Arbeitsmarkt hoffnungslos ins Hintertreffen. 
Daher müssen neue Beschäftigungsmodelle entwickelt werden.

 

 

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