Rede · Christian Dirschauer · 16.12.2021 Schwachstellen noch am schlimmsten im Landesteil Schleswig

„ Es ist überfällig, dass der Verkehrsminister den großen Vertrauensverlust einräumt, der dem Schienennahverkehr in Schleswig-Holstein entgegen gebracht wird. Langjähriger Investitionsrückstau, veraltetes Material und Personalmangel machen das System unzuverlässig.“

Christian Dirschauer zu TOP 22, 30, 31 u 39 - Verkehrsinfrastruktur  und Nahverkehrsplan (Drs. 19/3476, Drs 19/3463, Drs 19/3464 und Drs. 19/3453)

Bahnfahren ist nicht nur gut für das Klima, sondern auch für die Lebensqualität. Anstatt Stunden im Stau zu verbringen, ist die entspannte Fahrt im Zug sehr viel schonender für die eigenen Nerven. Leider wurde in den letzten Jahren versäumt, die Schiene leistungsfähig zu erhalten. Das müssen wir jetzt wieder in Ordnung bringen, was der Verkehrsminister mit einem großen Maßnahmenbündel erreichen will.
Der Nahverkehrsplan ist vorbildlich, was Transparenz und Klarheit angeht. So unzweideutig wünsche ich mir alle Berichte der Landesregierung: dass deutliche, quantifizierbare Ziele genannt werden und alle Maßnahmen nach genau diesen Zielen beurteilt werden. Das ist eine gute Darstellung und der richtige Ansatz in der Regierungsarbeit. Ich möchte keine Berichtslyrik mit wolkigen Formulierungen, sondern eine gute Handlungsgrundlage vorgelegt bekommen. Da kann ich als Abgeordneter meiner Arbeit gut nachkommen.
Es ist überfällig, dass der Verkehrsminister den großen Vertrauensverlust einräumt, der dem Schienennahverkehr in Schleswig-Holstein entgegen gebracht wird. Langjähriger  Investitionsrückstau, veraltetes Material und Personalmangel machen das System unzuverlässig. Die Zuverlässigkeit ist aber gerade der ausschlagende Faktor, das Auto stehen zu lassen und der die Menschen auf die Schiene bringt. Wollen sie zu spät kommen, können sie auch ins Auto steigen und im Stau stehen. Aber im Dunkeln ohne Informationen beispielweise mit Kindern in Jübek festzusitzen, ohne sich vernünftig unterstellen zu können, macht ein Umsteiger nur zweimal: das erste und das letzte Mal. Diese Menschen überzeugen wir nur dann von der Schiene, wenn ordentlich investiert wird. 
Damit sind wir bei den Nachteilen der klaren Darstellung: Schwachstellen springen dem Leser direkt ins Auge. Wie bei einem Karteikartensystem kann ich auf einen Blick Projekte erkennen, die im Zeitverzug sind oder unterfinanziert. 
Das habe ich denn auch gemacht und festgestellt, dass die Schwachstellen vor allem in Landesteil Schleswig zu finden sind. Das halte ich für unverzeihlich. 
Unter den Maßnahmen, die ab 2027 umgesetzt werden sollen und dementsprechend eine hohe Priorität haben, sind nur zwei aus dem Landesteil Schleswig. Das ist der Innenstadthalt in Flensburg und die Reaktivierung der Strecke Flensburg – Niebüll. Beide sind in der Aufzählung auch noch fehl am Platze, denn die Finanzierung ist nicht gesichert. Wer in Schafflund wohnt und nach Flensburg pendelt, das ist eine Entfernung von 20 Minuten, wird also weiter vertröstet. Da helfen auch keine Gutachten und fachliche Empfehlungen. Schade.
Ich verstehe das so, dass diese Maßnahmen zwar politisch gewollt sind, aber doch nicht so richtig. Nicht in echt, würden meine Kinder sagen. Solche Maßnahmen sind lediglich nice to have und prima Schubladenmaterial für eventuelle Sonntagsreden. 
Das ist gerade für uns im Norden echt bitter. Auch wenn ich wild entschlossen wäre, umzusteigen, kann ich das nur, wenn ich ordentlich Lebenszeit mitbringe: Einspurig von Jübek nach Husum hört sich wie ein romantisches Abenteuer an, ist aber einfach nur aus der Zeit gefallen. 
Dabei pendeln gerade im Norden sehr viele Menschen und würden gerne umsteigen. Qualifizierte Arbeitsplätze für zwei gut ausbildete Menschen in einer Familie kann man nämlich an einer Hand abzählen. Also wird gependelt: kreuz und quer im Land. Dieser Alltagsverkehr gehört auf die Schiene. 
Das sieht übrigens auch der LNVP vor; aber kann natürlich auch kein Geld herbei zaubern.
Das Hauptproblem für Pendlerinnen und Pendler liegt übrigens auch im Norden, und zwar der Verkehr zwischen Niebüll und Westerland. Tausende Menschen arbeiten auf der Insel, wohnen aber aus Kostengründen auf dem Festland. Sie können es sich nicht leisten, jeden Tag mit dem Autozug zu fahren. Also warten sie Tag für Tag auf Lehnshallig, bis ein anderer Zug die Strecke frei macht, oder frieren auf den Bahnhöfen Morsum oder Keitum, weil der Zug schon wieder verspätet ist. Diese Menschen müssen den Zug nehmen und die deutsche Bahn nutzt diese Situation weidlich aus. 
Ätzend.
Darum freue ich mich darauf, dass bald die deutlich höhere Betriebsqualität zu erwarten ist; zunächst einmal zwischen Niebüll und Klanxbüll. Der Rest der Strecke muss aber auch schleunigst ausgebaut werden. Und zwar so, wie es Günther Schabowski formulierte: Sofort, Unverzüglich.

Schwachstellen noch schlimmer im Landesteil Schleswig

Presseinformation

Kiel, den 16.12.2021

Es gilt das gesprochene Wort


Christian Dirschauer
TOP 22, 30, 31 u 39    Verkehrsinfrastruktur  und Nahverkehrsplan
Drs. 19/3476, Drs 19/3463, Drs 19/3464 
und Drs. 19/3453

„ Es ist überfällig, dass der Verkehrsminister den großen Vertrauensverlust einräumt, der dem Schienennahverkehr in Schleswig-Holstein entgegen gebracht wird. Langjähriger Investitionsrückstau, veraltetes Material und Personalmangel machen das System unzuverlässig.“

Bahnfahren ist nicht nur gut für das Klima, sondern auch für die Lebensqualität. Anstatt Stunden im Stau zu verbringen, ist die entspannte Fahrt im Zug sehr viel schonender für die eigenen Nerven. Leider wurde in den letzten Jahren versäumt, die Schiene leistungsfähig zu erhalten. Das müssen wir jetzt wieder in Ordnung bringen, was der Verkehrsminister mit einem großen Maßnahmenbündel erreichen will.
Der Nahverkehrsplan ist vorbildlich, was Transparenz und Klarheit angeht. So unzweideutig wünsche ich mir alle Berichte der Landesregierung: dass deutliche, quantifizierbare Ziele genannt werden und alle Maßnahmen nach genau diesen Zielen beurteilt werden. Das ist eine gute Darstellung und der richtige Ansatz in der Regierungsarbeit. Ich möchte keine Berichtslyrik mit wolkigen Formulierungen, sondern eine gute Handlungsgrundlage vorgelegt bekommen. Da kann ich als Abgeordneter meiner Arbeit gut nachkommen.
Es ist überfällig, dass der Verkehrsminister den großen Vertrauensverlust einräumt, der dem Schienennahverkehr in Schleswig-Holstein entgegen gebracht wird. Langjähriger  Investitionsrückstau, veraltetes Material und Personalmangel machen das System unzuverlässig. Die Zuverlässigkeit ist aber gerade der ausschlagende Faktor, das Auto stehen zu lassen und der die Menschen auf die Schiene bringt. Wollen sie zu spät kommen, können sie auch ins Auto steigen und im Stau stehen. Aber im Dunkeln ohne Informationen beispielweise mit Kindern in Jübek festzusitzen, ohne sich vernünftig unterstellen zu können, macht ein Umsteiger nur zweimal: das erste und das letzte Mal. Diese Menschen überzeugen wir nur dann von der Schiene, wenn ordentlich investiert wird. 
Damit sind wir bei den Nachteilen der klaren Darstellung: Schwachstellen springen dem Leser direkt ins Auge. Wie bei einem Karteikartensystem kann ich auf einen Blick Projekte erkennen, die im Zeitverzug sind oder unterfinanziert. 
Das habe ich denn auch gemacht und festgestellt, dass die Schwachstellen vor allem in Landesteil Schleswig zu finden sind. Das halte ich für unverzeihlich. 
Unter den Maßnahmen, die ab 2027 umgesetzt werden sollen und dementsprechend eine hohe Priorität haben, sind nur zwei aus dem Landesteil Schleswig. Das ist der Innenstadthalt in Flensburg und die Reaktivierung der Strecke Flensburg – Niebüll. Beide sind in der Aufzählung auch noch fehl am Platze, denn die Finanzierung ist nicht gesichert. Wer in Schafflund wohnt und nach Flensburg pendelt, das ist eine Entfernung von 20 Minuten, wird also weiter vertröstet. Da helfen auch keine Gutachten und fachliche Empfehlungen. Schade.
Ich verstehe das so, dass diese Maßnahmen zwar politisch gewollt sind, aber doch nicht so richtig. Nicht in echt, würden meine Kinder sagen. Solche Maßnahmen sind lediglich nice to have und prima Schubladenmaterial für eventuelle Sonntagsreden. 
Das ist gerade für uns im Norden echt bitter. Auch wenn ich wild entschlossen wäre, umzusteigen, kann ich das nur, wenn ich ordentlich Lebenszeit mitbringe: Einspurig von Jübek nach Husum hört sich wie ein romantisches Abenteuer an, ist aber einfach nur aus der Zeit gefallen. 
Dabei pendeln gerade im Norden sehr viele Menschen und würden gerne umsteigen. Qualifizierte Arbeitsplätze für zwei gut ausbildete Menschen in einer Familie kann man nämlich an einer Hand abzählen. Also wird gependelt: kreuz und quer im Land. Dieser Alltagsverkehr gehört auf die Schiene. 
Das sieht übrigens auch der LNVP vor; aber kann natürlich auch kein Geld herbei zaubern.
Das Hauptproblem für Pendlerinnen und Pendler liegt übrigens auch im Norden, und zwar der Verkehr zwischen Niebüll und Westerland. Tausende Menschen arbeiten auf der Insel, wohnen aber aus Kostengründen auf dem Festland. Sie können es sich nicht leisten, jeden Tag mit dem Autozug zu fahren. Also warten sie Tag für Tag auf Lehnshallig, bis ein anderer Zug die Strecke frei macht, oder frieren auf den Bahnhöfen Morsum oder Keitum, weil der Zug schon wieder verspätet ist. Diese Menschen müssen den Zug nehmen und die deutsche Bahn nutzt diese Situation weidlich aus. 
Ätzend.
Darum freue ich mich darauf, dass bald die deutlich höhere Betriebsqualität zu erwarten ist; zunächst einmal zwischen Niebüll und Klanxbüll. Der Rest der Strecke muss aber auch schleunigst ausgebaut werden. Und zwar so, wie es Günther Schabowski formulierte: Sofort, Unverzüglich.

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